{"id":332,"date":"2011-10-03T15:14:00","date_gmt":"2011-10-03T15:14:00","guid":{"rendered":"http:\/\/valentingerstberger.de\/?page_id=332"},"modified":"2011-10-03T15:14:00","modified_gmt":"2011-10-03T15:14:00","slug":"essay-von-dr-ellen-markgraf","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/valentingerstberger.de\/?page_id=332","title":{"rendered":"Essay von Dr. Ellen Markgraf"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Der Weg vom Eindruck zum Abdruck als Ausdruck \u2013 \u00fcber \u00c4sthetik in der Kunst<\/strong><\/h3>\n<p>Zu den Arbeiten von Valentin Gerstberger<\/p>\n<p>Eine Hinweistafel h\u00e4ngt an einem Zaun und bei genauerem Hinschauen erf\u00e4hrt der vorbei-Gehende, dass dieser Gedenkstein an die Schlie\u00dfung eines letzten Eisenerzbergwerkes erinnert. Es ist ein kurzer Prozess, die wenigen Zeilen zu lesen, aber ein langer Weg, sich zu vergegenw\u00e4rtigen, was zwischen den Zeilen zu denken ist. Gro\u00dfe und kleine Kapitel der Menschheitsgeschichte werden in der Form solcher Gedenktafeln oder auch gr\u00f6\u00dferer Denkmale erinnernd wach gehalten.<\/p>\n<p>Eine solche Gedenktafel bezeichnet man nicht als Kunst; bei einem Denkmal ist die Definition schon schwieriger. Wie stehen Kunst und Erinnerung in diesem spezielleren Kontext zueinander?<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler G\u00fcnther Demnig erinnert mit seinen &#8222;Stolpersteinen&#8220; an die Judenverfolgung; er legt sie uns gleichsam in den Weg, im Grunde un\u00fcbersehbar und dennoch soll es vorkommen, dass Menschen nicht &#8222;stolpern&#8220;.<\/p>\n<p>Valentin Gerstberger hat f\u00fcr die Umsetzung seiner Wahrnehmung von Welt die Frottage entdeckt, jedes Kind probiert es aus und reibt eine M\u00fcnze durch das Papier und f\u00fcr die Kunst hat Max Ernst diese Form der Aneignung von Wirklichkeit, nichts anderes bedeutet \u00c4sthetik (aisthesis im Griechischen) entdeckt und praktiziert.<\/p>\n<p>Die Arbeit als Redakteur bei einer Zeitung hat den studierten Grafiker Valentin Gerstberger bereits im Rahmen eines anderen Projektes mit Druckmitteln als Ausdrucksform inspiriert und die Ergebnisse wurden im Rahmen einer Ausstellung und eines Kataloges zum Thema &#8222;Zeitung&#8220; pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Zeitungen besch\u00e4ftigen sich mit dem aktuellen Weltgeschehen. Sie stellen dar und das heute ist morgen schon gestern. Die Kunst und ihre Mittel sind in der Regel langlebiger, es sei denn, es handelt sich um performatives Tun.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu dem Gedenkstein, der an einem Zaum h\u00e4ngt, um an Geschichte und Geschichten zu erinnern. Ein Hochformat gibt den Zaun \u2013 Ausschnitt mit Ornament und eben der Tafel wieder. Rote Farbe f\u00fcr den Zaun und die Tafel und (Himmel-) Blau im Hintergrund. Ein neues Bild ist entstanden durch das Frottieren des Motivs, die farbige Umsetzung und die Gestaltung der Komposition. Im Unterschied zu dem fest montierten Schild kann das Bild auf Reisen gehen, in Galerien und Museen oder auch an anderen Orten gezeigt werden. Es macht neugierig, zun\u00e4chst im Sinne des k\u00fcnstlerischen Ausdrucks, aber auch im Hinblick auf den frottierten Gegenstand und die Situation. Im g\u00fcnstigen Fall erweckt die k\u00fcnstlerische Umsetzung die Neugier auf das \u201aOriginal\u2019.<\/p>\n<p>Die Aneignung des ausgew\u00e4hlten Motivs \u00fcber das Abreiben l\u00e4sst f\u00fcr den K\u00fcnstler eine besondere N\u00e4he entstehen, eine Verbindung und durch diese Verbindung besteht auch f\u00fcr die Betrachtenden eine andere M\u00f6glichkeit der Wahrnehmung der Tafel, des Steins, der zum Gedenken anregt.<\/p>\n<p>Kanaldeckel sind Wegmarken, die weltweit zu finden sind. Sie haben unterschiedliche Erscheinungsformen, Muster und Beschriftungen variieren. Wen interessiert schon ein Kanaldeckel, ein notwendiges Ding im allt\u00e4glichen Zusammenhang. Die F\u00fclle der M\u00f6glichkeiten, wie ein einzelner Kanaldeckel aussehen kann, nimmt man im Grunde nur wahr, wenn man sie n\u00e4her zusammen sehen und sie miteinander vergleichen kann.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler hat seinen Lebensmittelpunkt in Wetzlar, in der Stadt, in der auch die Firma Buderus zu Hause ist. Hier werden Kanaldeckel hergestellt und von hier aus gehen sie auf Reisen. Auch Valentin Gerstberger ist auf Reisen gegangen und hat Kanaldeckel ausgesucht und aufgesucht, ausger\u00fcstet mit seinen Materialien f\u00fcr den Abdruck.<\/p>\n<p>Hier zeichnet den Deckel ein Ornament aus, als Relief zwar wahrnehmbar, aber als frottiertes Bild viel deutlicher erkennbar. Dort steht das Wort &#8222;Danger&#8220; im Zentrum des Kanaldeckels und wird auch zur Mitte der neuen Komposition. Aus dem Zusammenhang der urspr\u00fcnglichen Funktion und Verwendung genommen, wird die Schrift und das sie umfassende Ornament zu einer eigenst\u00e4ndigen Komposition.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler geht in die Knie, reibt die Schrift, die Symbole sorgf\u00e4ltig ab, um die Komposition im Anschluss einerseits zu belassen oder sie andererseits weiter farbig zu gestalten. Bilder entstehen und im Atelier oder in der Ausstellung begegnen sich die funktionalen Gegenst\u00e4nde aus verschiedenen St\u00e4dten, kulturellen Kontexten und kommunizieren untereinander und mit den Betrachtenden, die diesem allt\u00e4glichen Gegenstand ansonsten kaum oder gar keine Aufmerksamkeit schenken w\u00fcrden. Der Prozess des Betrachtens und Erfassens mit den Augen entspricht dem Prozess des Entstehens: eine weitere Form der Aneignung von Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Marcel Duchamp hat zu Beginn des 20.Jahrhunderts den allt\u00e4glichen Gegenstand f\u00fcr die Kunst kultiviert, seitdem geh\u00f6rt er zu den Mitteln der Darstellung f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische oder zeitgem\u00e4\u00dfe Kunst.<\/p>\n<p>Valentin Gerstberger stellt nicht den entdeckten Kanaldeckel selbst aus, sondern die Komposition, an der der Kanaldeckel jedoch ma\u00dfgeblich beteiligt ist und auch der ist nach dem Erstellen der Frottage nicht mehr der gleiche Gegenstand wie zuvor.<\/p>\n<p>Die k\u00fcnstlerische Aktion hinterl\u00e4sst Spuren, auch wenn sie nicht sichtbar sind!<\/p>\n<p>&#8222;Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern sie macht sichtbar.&#8220; (Paul Klee)<\/p>\n<p><strong>Dr. Ellen Markgraf<\/strong><br \/>\nKunsthistorikerin<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.ellenmarkgraf.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.ellenmarkgraf.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weg vom Eindruck zum Abdruck als Ausdruck \u2013 \u00fcber \u00c4sthetik in der Kunst Zu den Arbeiten von Valentin Gerstberger Eine Hinweistafel h\u00e4ngt an einem Zaun und bei genauerem Hinschauen erf\u00e4hrt der vorbei-Gehende, dass dieser Gedenkstein an die Schlie\u00dfung eines letzten Eisenerzbergwerkes erinnert. 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